Sonntag, 19. Juni 2016

Verschenke den Tag . . .




. . . du kannst ihn ohnehin nicht mitnehmen !

Ich verbringe gerne Zeit mit Mutti, mit ihren 83 Jahren ist sie, Gott sei Dank, recht gut zu Wege; ohne schwerwiegende gesundheitliche Einschränkungen kommt sie immer noch ganz gut alleine zurecht. Nun gut, sie kocht nicht mehr und sie benötigt Unterstützung bei allem was Schreiberei und Terminplanung mit sich bringt, die Arbeit im Garten oder das wöchentlich Mülltonnenraus- stellen kann sie kaum mehr selbst bewerkstelligen und das Kurzzeitgedächtnis läßt, je nach Tagesform, zu wünschen übrig aber ansonsten ist sie guter Dinge, liebevoll, humorig und altersentsprechend eigensinnig. Sie freut sich wenn ich komme, schaut verschmitzt hinter der Haustüre hervor und lacht mich an wenn sie auf mein Klingeln öffnet. Aus der Küche höre ich meißt schon das Simmen ihres Wasserkochers, zwei Kaffeetassen hat sie schon bereitgestellt denn sie wußte ja, daß ich im Anflug bin da ich sie von unterwegs immer anrufe (ein Lob dem Handy :-).  

Wenn wir zusammensitzen wird geredet; sie interessiert, was ich zu berichten habe und sie erzählt von dem, was sie beschäftigt. Mutti kann es selbst kaum  glauben, daß sie nun, im Alter, vieles von dem was ihr früher wichtig war, nicht mehr interessiert und es klingt auch ein wenig Wehmut mit wenn sie von Begebenheiten erzählt an die sie sich gerne erinnert.  Und es gibt einige Themen, auf die sie fast bei jedem Besuch zu sprechen kommt; meißt sind es Erinnerungen an ihrer Kindheit in Hindenburg OS oder an Zeiten als junge Krankenschwester oder Mutter. Es scheint, als wolle sie gewisse Ereignisse durch das Erzählen vor dem Vergessen bewahren oder als erhoffe sie unbewußt, durch das Erzählen gewisser Begebenheiten, Erkenntnisse zu erlangen, Antworten auf Fragen zu erhalten . . .
Doch eigentlich ist es überhaupt nicht von Bedeutung weshalb sie sie immer wieder erzählt, wichtig ist, das sie sie erzählen kann, daß ich und mit mir auch meine Schwestern, ihr immer wieder Gelegenheit geben, das, was sie erinnert, zu erzählen, egal wie oft es noch sein wird bis, eines Tages, ihr Mund für immer schweigt. 
Aber bis dahin verbringe ich soviel Zeit wie möglich mit Mutti, jede Stunde mit ihr erscheint mir wie ein Geschenk und ich weiß, es wird kostbarer mit jedem Tag der vergeht. 

Angelika